Feuerwerker und Festungsbauer – Federigo Giambelli

Den Namen Federigo Giambelli kennen heute nur wenige, und doch war er zu Lebzeiten ebenso geachtet wie gefürchtet. Die Ereignisse, an denen er beteiligt war, waren noch mehr als zweihundert Jahre danach so beeindruckend, dass Friedrich Schiller in seiner „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ in dem Abschnitt „Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585“ ausführlich darauf einging. Auch in meinem Roman „Krone der Welt“ spielt der explosive Ingenieur eine (Neben-) Rolle.Blicken wir zurück auf Zeit und Ort des Geschehens: 1585 befanden sich die Niederlande im Befreiungskampf mit dem spanischen Habsburgerreich. Die Truppen des spanischen Königs belagerten Antwerpen, damals die reichste und größte Handelsstadt des Kontinents. Der Heerführer der Spanier, der Herzog von Parma, entwickelte eine perfide Strategie, um die Stadt auszuhungern: Mittels einer Schiffbrücke ließ er die Schelde, die Lebensader der Stadt, sperren.

Überlassen wir es Friedrich Schiller, das zu schildern, was dann geschah: „Denn ehe noch der Herzog von Parma mit seiner Brücke zu Stande war, arbeitete schon in den Mauren Antwerpens ein Ingenieur an ihrer Zerstörung. Friderich Gianibelli hieß dieser Mann, den das Schicksal bestimmt hatte, der Archimed dieser Stadt zu werden, und eine gleiche Geschicklichkeit mit gleich verlorenem Erfolg zu deren Vertheidigung zu verschwenden. Er war aus Mantua gebürtig, und hatte sich ehedem in Madrid gezeigt, um, wie einige wollen, dem König Philipp seine Dienste in dem niederländischen Krieg anzubiethen. Aber vom langen Warten ermüdet, verließ der beleidigte Künstler den Hof, des Vorsatzes, den Monarchen Spaniens auf eine empfindliche Art mit einem Verdienste bekannt zu machen, das er so wenig zu schätzen gewußt hatte. Er suchte die Dienste der Königinn Elisabeth von England, der erklärten Feindinn von Spanien, welche ihn, nachdem sie einige Proben von seiner Kunst gesehen, nach Antwerpen schickte. In dieser Stadt ließ er sich wohnhaft nieder, und widmete derselben in der gegenwärtigen Extremität seine ganze Wissenschaft und den feurigsten Eifer.“

Der Herzog von Parma entgeht bei dem Angriff durch Brander nur knapp dem Tode. By Romeyn de Hooghe – Peace Palace Library, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32879563

Über Giambellis Leben weiß man kaum mehr, als Schiller erwähnt; in Antwerpen soll er geheiratet haben. Seine Arbeiten in der Stadt lassen sich in „The Decline of Antwerp under Philip of Spain“ von Jerviss Wegg nachlesen. So soll Giambelli bei der Konstruktion der Brander Unterstützung durch den Antwerpener Ingenieur Peter Timmerman und den Uhrmacher Jan Bovy gehabt haben.

Wie sahen nun diese Brander aus? Lesen wir erneut Schiller: „Er ließ auf dem Boden derselben einen hohlen Kasten von Quadersteinen mauren, der fünf Schuh breit, vierthalb hoch, und vierzig lang war. Diesen Kasten füllte er mit sechzig Zentnern des feinsten Schießpulvers von seiner eigenen Erfindung, und bedeckte denselben mit grossen Grab- und Mühlsteinen, so schwer das Fahrzeug sie tragen konnte. Darüber führte er noch ein Dach von ähnlichen Steinen auf, welches spitz zulief und sechs Schuhe hoch über den Schiffsrand empor ragte. Das Dach selbst wurde mit eisernen Ketten und Haken, mit metallenen und marmornen Kugeln, mit Nägeln, Messern und andern verderblichen Werkzeugen vollgestopft; auch der übrige Raum des Schiffs, den der Kasten nicht einnahm, wurde mit Steinen ausgefüllt und das Ganze mit Brettern überzogen. In dem Kasten selbst waren mehrere kleine Öffnungen für die Lunten gelassen, welche die Mine anzünden sollten. Zum Überfluß war noch ein Uhrwerk darinn angebracht, welches nach Ablauf der bestimmten Zeit Funken schlagen, und, wenn auch die Lunten verunglückten, das Schiff in Brand stecken konnte. Um dem Feinde die Meynung beyzubringen, als ob es mit diesen Maschinen bloß darauf abgesehen sey, die Brücke anzuzünden, wurde auf dem Gipfel derselben ein Feuerwerk von Schwefel und Pech unterhalten, welches eine ganze Stunde lang fortbrennen konnte. Ja, um die Aufmerksamkeit desselben noch mehr von dem eigentlichen Sitz der Gefahr abzulenken, rüstete er noch zwey und dreyßig Schuyten (kleine platte Fahrzeuge) aus, auf denen bloß Feuerwerke brannten, und welche keine andere Bestimmung hatten, als dem Feind ein Gaukelwerk vorzumachen. Diese Brander sollten in vier verschiedenen Transporten, von einer halben Stunde zur andern, nach der Brücke hinunter laufen und die Feinde zwey ganze Stunden lang unaufhörlich in Athem erhalten, so daß sie endlich vom Schießen erschöpft und durch vergebliches Warten ermüdet, in ihrer Aufmerksamkeit nachließen, wenn die rechten Vulkane kämen.“

Die Folgen der Brander waren verheerend, denn von allen Gefahren für ein Segelschiff, das ja hauptsächlich aus Holz und Segeln bestand, war Feuer das Gefährlichste. In seinem Sachbuch „The Defeat of the Spanish Armada“ bezeichnet Garrett Mattingly Giambellis Brander als “the most terrible weapons used by men in war”.

Friedrich Schiller beschreibt die Folgen der Explosion anschaulich: „Aber schrecklicher als alles dieß war die Niederlage, welche das mörderische Werkzeug unter den Menschen anrichtete. Fünfhundert, nach andern Berichten sogar achthundert Menschen wurden das Opfer seiner Wuth, diejenigen nicht einmal gerechnet, welche mit verstümmelten oder sonst beschädigten Gliedern davon kamen; und die entgegengesetztesten Todesarten vereinigten sich in diesem entsetzlichen Augenblick. Einige wurden durch den Blitz des Vulkans, andre durch das kochende Gewässer des Stroms verbrannt; noch andre erstickte der giftige Schwefeldampf; jene wurden in den Fluthen, diese unter dem Hagel der geschleuderten Steine begraben, viele von den Messern und Haken zerfleischt, oder von den Kugeln zermalmt, welche aus dem Bauch der Maschine sprangen. Einige, die man ohne alle sichtbare Verletzung entseelt fand, mußte schon die bloße Lufterschütterung getödtet haben. Der Anblick, der sich unmittelbar nach Entzündung der Mine darbot, war fürchterlich.“

Der Einsatz von Branschiffen gegen die Spanische Armada 1588, eindrucksvolles Gemälde von 1796, Von Philipp Jakob Loutherbourg der Jüngere – BHC0264_700 orginaly uploaded to http://en.wikipedia.org/wiki/Image:Loutherbourg%2C_Spanish_Armada.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=133036

Tatsächlich waren Brander oder Brandschiffe schon lange in Seekriegen verwendet worden. Bereits in der Antike wurde ihr Einsatz erwähnt, u.a. in der Schlacht von Chibi (am Roten Felsen, China, 208 n. Chr.). Bei der Belagerung von Antwerpen wurden sie jedoch weithin bekannt. „Von diesem Moment an kannte und fürchtete jeder Soldat und jeder Seemann in Europa den Namen von Giambelli und sorgte sich darüber, welche schrecklichen Erfindungen er als nächstes machen würde“, so Matthew, R. in „The Spanish Armada“.

Auch in den späteren Schlachten gegen die spanische Armada waren die „Hellburners“ gefürchtet, denn sie konnten auf einen Schlag mehr Menschen töten, als in einer ganzen Schlacht starben. Meist wurden sie gegen ankernde Flotten eingesetzt. Mit Enterhaken bestückt, sollten sie sich mit diesen verhaken und abbrennen. Verteidigen konnten man sich nur, indem man die Brander mit Hilfe von Brandhaken auf Abstand hielt. Auch wurde versucht, den Brander zu kapern und vom Kurs abzubringen – oder gar gegen den Feind zu wenden. Wenn sich Giambellis Brander näherten, ließen die Kapitäne die Ankertaue kappen und flohen kopflos – oft genug ins Verderben. Der Ruf „Antwerpener Feuer“ soll sich vor der Flucht rasend verbreitet haben. Seine Höllenbrander, die er unter dem Kommando von Sir Francis Drake einsetzte, trugen erheblich zum Sieg der mit den Niederländern verbündeten Engländern gegen die als unbesiegbar geltende spanische Armada bei. Vor allem in der Seeschlacht vor Calais am 8. August 1588 sorgten die Brander für Panik und eine Zerschlagung der Flotte. Eine ausgezeichnete Schilderung der Vorgänge findet sich u.a. in Barratt, J.: „Armada 1588“.

In einem jedoch scheiterte Federigo Giambelli: er sollte für Königin Elisabeth I. die Themse mit Hilfe einer Masten- und Schiffbrücke sperren. Die Strömung und der Tidenhub machten das Unternehmen jedoch unmöglich. Dennoch durfte der italienische Ingenieur und Sprengstoffexperte weiter für die englische Königin arbeiten. Er befestigte das Ufer bei Greenwich und errichtete im Stil der trace Italienne die Bastionen von Carisbrook Castle auf der Isle of Wight. 1602 entwarf er ein Fort für Plymouth. Darüber hinaus entwickelte Giambelli Pläne für ein Reinigungssystem für die London umgebenden Gräben und Methoden zur Feuerbekämpfung.

Es heißt, Federigo Giambelli sei in London gestorben, doch sein Todesjahr ist unbekannt. Auch in späteren Seekriegen wurde die gefürchtete Waffe der Brandschiffe noch eingesetzt, sogar noch im zwanzigsten Jahrhundert, oft als Selbstmordkommando.

Trotz der Grausamkeit seiner Waffen war die Auseinandersetzung mit Giambellis Leben und den damaligen Kriegskünsten für mich interessant. Schnell war mir klar, dass er in meinem Roman „Krone der Welt“ auftreten musste.

Einsatz von Brandern bei der Schlacht von Solebay 1672
Von Willem van de Velde der Jüngere – www.nmm.ac.uk
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