17. August 1585 – Der Fall von Antwerpen und der Aufstieg Amsterdams zur Weltmacht des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts

Beginnen wird dieser Hintergrundbericht zu meinem historischen Roman „Krone der Welt“ allerdings in Antwerpen. Tja, so ist das mit historischen Themen – und auch mit historischen Romanen -, manchmal stellt man fest, dass man einen größeren Bogen machen muss, um sein Ziel zu erreichen. Und Amsterdams Aufstieg ist nun einmal untrennbar mit dem Niedergang von Antwerpen verbunden.

Lange Zeit war die brabantische Stadt Antwerpen, im heutigen Belgien gelegen, die reichste Handelsstadt Europas. Antwerpen war Umschlagplatz für die Waren aus dem Mittelmeerraum, Afrika und Asien. Die Kaufleute hatten sich vor allem auf Luxusgüter wie Seiden und Diamanten spezialisiert. Entsprechend hoch war die Einwohnerzahl. Selbst 1584, als die Stadt bereits durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, beherbergte Antwerpen noch 90.000 Einwohner. Zum Vergleich: in Amsterdam lebten 1570 etwa 30.000 Einwohner.

Von Franz Hogenberg – Deze upload: Rijksmuseum Amsterdam 1e upload: Geocities.com, nu niet meer werkend, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2040308210×280 RP-P-OB-78.784-145. Die spanischen Truppen wüteten 1576 in Antwerpen. Diese „Spanische Furie“ stachelte den Widerstand gegen den spanischen König noch an.

Der eben erwähnte Krieg begann 1568 sollte achtzig Jahre andauern. Darin kämpften die niederländischen Provinzen um die Glaubensfreiheit sowie ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone und dem Hause Habsburg. In den Jahren 1584 und 1585 wurde Antwerpen durch die Truppen unter dem Befehl des spanischen Statthalters Alexander Farnese belagert. Es war eine Belagerung, die ganz Europa bewegte, denn die kleinen Niederlande setzten sich der Weltmacht Spanien zur Wehr, Protestanten kämpften gegen Katholiken. Auch gerieten durch die Belagerung die Handelsströme ins Stocken. Zudem setzte Alexander Farnese innovative Techniken ein, denn er ließ die Schelde – den Fluss, der Antwerpen mit der Nordsee verband, also die Lebensader der Stadt – mit einer Schiffbrücke sperren. Diese Schiffbrücke war technologisch eine besondere Leistung, weil die Schelde damals etwa 720 Meter breit gewesen sein und einen Tidenhub von 3,60 Metern gehabt haben soll. Neben zwei Forts ließ Farnese Pontons errichten, zwischen denen 31 (bzw. 32 Schiffe) mit Ketten verbunden waren. Zusätzlich wurden im Strom Barrieren aus Mastbäumen verankert. Doch die Eingeschlossenen und ihre protestantischen Verbündeten setzten sich erbittert zur Wehr. Sie durchstießen Deiche und setzten mit Hilfe des italienischen Ingenieurs Federigo Giambelli (oder Giannibelli) Brander ein, also Brandschiffe. Diese waren beim spanischen Heer ihrer Sprengkraft wegen bald als „Höllenbrander“ gefürchtet. Doch als eine Hungersnot den Antwerpenern zusetzte und sich schlagkräftige Hilfe verzögerte, kapitulierte die Stadt.

Von Frans Hogenberg – http://es.geocities.com/capitancontreras/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3791954 Die Schiffbrücke über die Schelde.

Welchen Eindruck diese Ereignisse auch noch auf nachfolgende Generationen machten, sieht man beispielsweise an Friedrich Schiller. Der Dichter war seit jeher an der Historie und insbesondere an Freiheitskämpfen interessiert. 1788 erschien der erste Teil seiner „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“. Später schrieb er einen Aufsatz über die „Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585“. Darin heißt es: „Es ist ein anziehendes Schauspiel, den menschlichen Erfindungsgeist mit einem mächtigen Element im Kampf zu erblicken, und Schwierigkeiten, welche gemeinen Fähigkeiten unübersteiglich sind, durch Klugheit, Entschloßenheit und einen standhaften Willen besiegt zu sehen. Weniger anziehend aber desto belehrender ist das Schauspiel des Gegentheils, wo der Mangel jener Eigenschaften alle Anstrengungen des Genies vereitelt, alle Gunst der Zufälle fruchtlos macht und, weil er ihn nicht zu benutzen weiß, einen schon entschiednen Erfolg vernichtet. Beyspiele von beydem liefert uns die berühmte Blokade der Stadt Antwerpen durch die Spanier beym Ablauf des sechzehnten Jahrhunderts, welche dieser blühenden Handelsstadt ihren Wohlstand unwiederbringlich raubte, dem Feldherrn hingegen, der sie unternahm und ausführte, einen unsterblichen Namen erwarb.“

Nach der Kapitulation bekamen die Bewohner Antwerpens eine Frist, in der sie entweder die Stadt verlassen oder zum Katholizismus zurückkehren konnten. Etwa vierzigtausend Einwohner verließen die Stadt. Die Schelde blieb weiter gesperrt, nun jedoch durch die Wassergeusen, die niederländischen Kaperfahrer. Übrigens wurde die Seeblockade erst im achtzehnten, der Scheldezoll sogar erst im neunzehnten Jahrhundert aufgehoben. Antwerpens Handel blieb durch diese Sperrung stark eingeschränkt. In den südlichen Provinzen kam es 1585 und in den folgenden Jahren auch durch die Verwüstungen des Krieges zu einer Hungersnot. Immer mehr Menschen aus den südlichen Provinzen flohen nach Norden. Es waren nicht nur mittellose Flüchtlinge, sondern überwiegend wohlhabende, hochqualifizierte Handwerker und Händler, die den nördlichen Provinzen zum Aufstieg verhalfen. So brachten Diamantenschneider, Seidenweber und Zuckersieder ihr Handwerk mit nach Amsterdam. Zu den Zuzüglern gehörten zudem viele Flüchtlinge jüdischen Glaubens, sowie später Hugenotten.

Amsterdam war für Offenheit und Toleranz bekannt und nahm die Flüchtlinge bereitwillig auf. Der Philosophen René Descartes schwärmte über die Niederlande: „Welch anderes Land besteht, in dem sich so umfassend in Freiheit leben lässt.“

Vor dem Fall von Antwerpen war Amsterdam eine relativ normale, mittelgroße Handelsstadt gewesen. In den nächsten etwa zwanzig Jahren stieg die Bevölkerung Amsterdams um etwa fünfzigtausend Menschen. Auch Leiden und Middelburg, aber auch deutsche Städte wie Bremen und Hamburg erlebten einen rasanten Bevölkerungszuwachs durch die Glaubensflüchtlinge. Die verhältnismäßig hohen Löhne zogen ebenfalls Arbeiter und Investoren an. Durch die Bevölkerungszunahme kam es in Amsterdam zu mehreren Stadterweiterungen, die auch zum Bau des berühmten Grachtengürtels führten und in meinem Roman „Krone der Welt“ ein zentrales Thema sind. Doch darüber bei anderer Gelegenheit mehr.

Gleichzeitig übernahm Amsterdam von Antwerpen auch den Handel mit dem Mittelmeerraum, Afrika, Asien und der neuen Welt. Weitere wichtige Faktoren für den Aufschwung seien das Fehlen einer starken feudalen Tradition und der hohe Urbanisierungsgrad gewesen, so Friso Wielenga in „Geschichte der Niederlande“. Der Historiker betont, dass es sich bei der Expansion Amsterdams um eine „multikausale Entwicklung“ handelte.

Als Stapelmarkt für die wichtigen Güter Getreide und Holz aus dem Baltikum hatte Amsterdam schon früher eine wichtige Bedeutung gehabt. Dazu kam die Heringsfischerei, deren Zentrum ebenfalls in Holland lag. Innovationsgeist und Handelsmut förderten den Aufstieg der Stadt zusätzlich. Mathematiker und Ingenieure wie Simon Stevin entwickelten überlegene Windmühlen, Wasserpumpen oder Webstühle. Im Schiffbau wurde die ohnehin mächtige Handelsflotte durch die Erfindung des neuartigen Handelsschiffs Fleute noch gestärkt. Die Fleute segelte schneller, war haltbarer und kam mit einer kleineren Mannschaft aus. Zudem sparte man durch die geringe Deckgröße Zoll.

Von Wenzel Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6233667

Entscheidend für den Aufstieg war auch der Entschluss der Amsterdamer Kaufleute, das Monopol der Spanier im Ostindien-Handel zu brechen. Dafür schreckten sie weder vor Spionage noch vor Kämpfen zurück. Die erste Handelsreise der Compagnie van Verre (Gründung 1594, Rückkehr 1597) war wirtschaftlich zwar nicht gerade ein Erfolg, bewies aber, dass es möglich war, in Ostindien selbst die kostbaren Gewürze Muskat, Pfeffer und Gewürznelken, sowie Seiden, Porzellan und Silber zu kaufen. Sofort machten sich die Kaufleute zu einer zweiten Reise auf den Weg – und nicht nur sie. Ein beispielloser Konkurrenzkampf nicht nur zwischen den Amsterdamern, Spanien und Portugal brach aus, sondern auch zwischen den holländischen Städten. Diese ruinöse Konkurrenz mündete schließlich 1602 in der Gründung der Vereinigten Ostindien-Kompanie (VOC). Breite Bevölkerungsschichten kamen durch die Investition in die Aktien für den Fernhandel zu bescheidenem Wohlstand und die wohlhabenden mehrten ihre Vermögen noch. Obgleich sich an der VOC verschiedene Städte beteiligten, stammte mehr als die Hälfte des Startkapitals aus Amsterdam. Letztlich wurde die VOC zum größten Handelsunternehmen des 17. und 18. Jahrhunderts. 1621 kam die West-Indische-Kompanie (WIC) noch hinzu. Mit den anwachsenden Finanzströmen nach Amsterdam wurden mit der Wechselbank und der Börse verlässliche Instrumente geschaffen, die den Investoren Sicherheit gaben. Geert Mak schreibt in „Amsterdam. Biographie einer Stadt“: „Die in Amsterdam geprägten Münzen genossen solch ein Vertrauen, dass die Engländer über ein Jahrhundert lang gezwungen waren, in Amsterdam Golddukaten zu kaufen, weil ihre asiatischen Handelspartner kein anderes Geld akzeptieren wollten.“

Der Freiheitskampf tobte jedoch weiterhin, und zwar nicht nur in den Provinzen, sondern auch in Übersee. Allerdings blieben die nördlichen Provinzen Verheerungen verschont, ja, sie verdienten sogar noch am Waffenhandel. Zusätzlich kam den Niederlanden zugute, dass sie mit den Statthaltern Moritz und Friedrich Heinrich von Oranien talentierte Heerführer hatten, die die Armee zu der schlagkräftigsten Truppe Europas machten. Darüber hinaus sorgte die verstärkte Landgewinnung – zum Beispiel der Polder Beemster – für einen Aufschwung der Landwirtschaft.

Der Historiker Friso Wielenga fasst die Entwicklung in den Niederlanden wie folgt zusammen: „Der Import von Arbeitskräften, Know How und Kapital aus dem Süden beschleunigte das Wirtschaftswachstum der Städte ab ca. 1580 enorm und war ein wichtiger Impuls für die frühe Industrie und das Gewerbe.“ Und weiter: „Insgesamt entwickelte sich die junge Republik ab etwa 1590 zum größten Handelszentrum in Europa und erreichte eine Dominanz im Welthandel, die sie erst im 18. Jahrhundert wieder verlor. Diese Dominanz war das Resultat eines einmalig gelungenen Zusammenspiels interner und externen Faktoren (…).“

Dieser Aufschwung führte zum sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande, das mit einer Blüte der Malerei (Stichwort Rembrandt) und der Architektur verbunden war. Bis 1650 hatte sich die niederländische Bevölkerung nahezu verdoppelt. Amsterdam hatte damals 200.000 Einwohner und war einflussreicher als London oder Paris.

Ein Zitat noch zum Schluss, dieses Mal von Michael North aus „Das Goldene Zeitalter“: „Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert ein Land der Superlative: jährlich wurden 70.000 Bilder gemalt, 110.000 Stück Tuch produziert und 200 Millionen Gulden an Volkseinkommen erwirtschaftet.“ Davon jedoch mehr in einem späteren Text.

Literaturtipps:

Mak, Geert Amsterdam. Biographie einer Stadt, 2006

Wegg, Jervis The Decline of Antwerp under Philip of Spain, 1979

Wielenga, Friso: Geschichte der Niederlande, 2012

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