GWR – Gesichtsweichteilrekonstruktion – ein Thema in „Zornige Flut“

Was passiert, wenn ein entstellter Toter gefunden wird? Oder man lediglich einen Schädel vorfindet? Wie findet man heraus, wie der Tote ausgesehen haben könnte? Die Gesichtsrekonstruktion – oder korrekter: Gesichtsweichteilrekonstruktion (GRW) ist ein Thema, dass mich schon lange fasziniert hat. Bei meinem Sylt-Krimi „Zornige Flut“ konnte ich die GWR endlich in einen Fall einbauen. Ich hatte das große Glück, mich darüber mit zwei absoluten Koryphäen auf diesem Gebiet austauschen zu dürfen: Dipl. Ing (FH) Stefanie Burrath, Sachverständige für visuelle Personenidentifizierung und Gesichtsweichteilrekonstrukteurin des LKA Sachsen-Anhalt/Erkennungsdienst, sowie Dr. med. Constanze Niess, Fachärztin für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt am Main sowie Spezialistin für forensische Gesichtsrekonstruktion. Beide Expertinnen haben interessante Webseiten, auf denen detailliert auf die Technik eingegangen wird. Dr. Niess hat zudem das sehr anschauliche Sachbuch „Die Gesichter der Toten“ (Köln, 2014) veröffentlicht.

Sehr empfehlenswerte Lektüre über Gesichtsweichteilrekonstruktion und Rechtsmedizin allgemein.
Dr. Niess hält einen Vortrag bei der Mitgliederversammlung der Mörderischen Schwestern e.V. 2022 in Bad Vilbel

Wie sieht der Ablauf in einem konkreten Fall aus? Stefanie Burrath: „Es gibt in Deutschland nur sehr wenige ausgebildete Rekonstrukteure. Bei Aufträgen innerhalb der Polizei werden die Anfragen vorrangig an das LKA Sachsen-Anhalt gesteuert, da dort eine speziell ausgebildete Phantombildzeichnerin mit der Spezialisierungsrichtung für Gesichtsweichteilrekonstruktionen (GWR) sitzt, die seit 2002 diese Arbeiten für alle Polizeidienststellen Deutschlands ausführt. Das BKA hat keinen Spezialisten auf diesem Gebiet. Eine Handvoll, meist selbstständig tätiger Anthropologen haben ebenfalls eine Spezialaus-bildung als Rekonstrukteure. Da sie aber nicht der Polizei angehören, wäre diese Dienst-leistung für die Polizei/ Staatsanwaltschaft kostenpflichtig, deshalb wird vorrangig auf eigene Kräfte zurückgegriffen.“

Unter diesem Absatz sehen Sie eine historische Rekonstruktionszeichnung aus dem Jahr 2015, die Stefanie Burrath mir freundlicherweise zur Verfügung stellte. Es handelt sich um die Moorleiche „Bernie“ aus dem 8. Jahrhundert.

Der Moorleiche „Bernie“ wurde von Stefanie Burrath ein Gesicht gegeben.

Die Expertinnen arbeiten mit unterschiedlichen Techniken. Grundsätzlich gibt es die computergestützte Gesichtsrekonstruktion, die Zeichnung oder die Modellage. „Aus Gründen der Erreichung einer hohen Individualität wird im LKA Sachsen-Anhalt eine Handzeichnung angefertigt“, berichtet Stefanie Burrath. „Bei dieser Methode wird der Schädel nicht verdeckt und steht die gesamte Zeit während der Rekonstruktion zur Anschauung und als Vorlage zum exakten Rekonstruieren dieses individuellen Toten zur Verfügung. Modellagen sind ungenauer und dauern auch zu lange. Computertechnik ist zu teuer und lohnt sich nicht für die geringe Zahl an Aufträgen und wäre zudem auch ungenauer und weniger individuell, als die Handzeichnung.“ Die Anfertigung derartiger Zeichnungen dauert vier bis fünf Tage.

Dr. Constanze Niess ist Expertin für plastische Gesichtsweichteilrekonstruktion. „Darunter versteht man die Erstellung eines möglichst lebensnahen, dreidimensionalen Modelles des Gesichtes bzw. Kopfes eines menschlichen Individuums. Dabei bilden die individuellen knöchernen Strukturen das Grundgerüst der Skulptur, denn jeder Schädel ist einzigartig“, erklärt die Rechtsmedizinerin, die auch das Antlitz historischer Personen für Museen nachbildet. „Die Technik der Weichteilrekonstruktion stützt sich auf die individuelle Ausprägung der knöchernen Strukturen und den auf wissenschaftlichen Untersuchungen basierenden Erkenntnissen der Weichteilbeschaffenheit des menschlichen Gesichtes.“ Wichtige Schritte sind das Anbringen der Weichteilmarker an anatomisch definierten Stellen sowie der Aufbau der Weichteile mit Plastilin, die Anlage von Mund, Augenlider und Nase in Anlehnung an wissenschaftlich erhobene Daten der entsprechenden Gesichtsregion. „Das Ergebnis des technischen Abschnittes ist ein ‚Gesichtsrohling‘, der im künstlerischen Abschnitt weiter bearbeitet wird.“ Dabei ist die exakte Platzierung der individuell angefertigten Augenprothesen in die knöcherne Augenhöhle wichtig. „Alle individuellen Merkmale eines Gesichtes können in das Modell eingearbeitet werden. Das Erstellen einer Skulptur hat den Vorteil, dass das Gesicht aus verschiedenen Perspektiven begutachtet werden kann“, so Niess. Ingesamt habe diese Technik, für die man ein gewisses künstlerisches Geschick benötigt, in den letzten zwanzig Jahren enorme Fortschritte gemacht.

Vielen Dank, Frau Burrath und Frau Dr. Niess, dass Sie sich neben Ihrer so wichtigen Arbeit die Zeit für meine Fragen genommen haben! Fotos: Sabine Weiß

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