Interview zur Entstehungsgeschichte der „Wachsmalerin“


Sabine Weiß: „Diese Idee ist letztlich aus der Liebe zum Lesen entstanden: Ich las etwa 1995 mit Begeisterung ,Bastille Tango‘, einen skurrilen Roman Noir des französischen Autors Jean-François Vilar, in dem Madame Tussauds Wachsfiguren eine Nebenrolle spielen. Erstmals erfuhr ich, dass Marie Tussaud die Enkelin eines Scharfrichters war und während der Französischen Revolution gezwungen war, die Totenmasken der Revolutionäre zu nehmen. Ich fragte mich, ob das wirklich stimmt. Es erschien mir unglaublich, dass sie mit dieser stigmatisierten Herkunft eine so steile Karriere machen konnte – schließlich wurden Henkersfamilien als unehrlich gemieden. Also begann ich zu recherchieren …”

Die Quellenlage über Madame Tussaud ist nicht gerade umwerfend. Wie lange haben Sie für die Recherche für die zwei Romane gebraucht und wie viel Fiktion steckt trotz aller Recherche in ihnen?

Sabine Weiß: „An ,Die Wachsmalerin – Das Leben der Madame Tussaud‘ habe ich letztlich wohl dreizehn Jahre gearbeitet. Ich habe während meiner Tätigkeit als Journalistin quasi ,nebenbei‘ recherchiert und bin auf Madame Tussauds Spuren durch Frankreich, England, Irland und Schottland gereist. Irgendwann dachte ich, ich würde diese unglaubliche Geschichte gern so niederschreiben, wie ich selbst sie am liebsten lesen möchte: als historischen Roman.

Es war eine spannende Spurensuche, weil Madame Tussaud ein Mysterium ist. Jeder kennt den berühmten Namen, aber kaum jemand weiß, was für ein Leben sich dahinter verbirgt. Sie selbst hat – als frühes PR-Genie – ihre von einem Ghostwriter verfasste Biografie umfassend geschönt. So behauptete sie immer, sieben Jahre am Hof des französischen Königs in Versailles verbracht zu haben. In den dortigen Registern taucht sie allerdings nicht auf. Da sie jedoch später mit französischen Adeligen zu tun hatte und nie der Vorwurf aufkam, sie würde lügen, habe ich mich in meinem Roman für den Mittelweg entschieden.

Von Marie Tussaud sind übrigens nur eine Handvoll Briefe erhalten – die einzige Möglichkeit, ,ihre Stimme‘ zu hören. Deswegen, und wegen der vielen Geheimnisse in ihrem Lebenslauf, bot sie sich für einen historischen Roman an.

In meiner Darstellung habe ich mich bemüht, sie möglichst glaubwürdig und wahrheitsgetreu zu zeigen. Ich habe mich Marie Tussaud immer verpflichtet gefühlt und mir vorgestellt, was sie wohl zu dem Buch sagen würde, wenn sie mir von ihrer ,Wolke im Himmel‘ aus zuschaut.”

Sie haben noch andere historische Romane geschrieben, auch sie handeln von starken Frauen in rauen Zeiten – sind auch diese Frauen historisch verbirgt oder lassen Sie auch mal Ihrer Fantasie freien Lauf?

Sabine Weiß: „In meinem dritten Roman „Die Buchdruckerin” schildere ich das wahre Schicksal der Straßburger Druckerin Margarethe Prüss, die sich vor dem Hintergrund der Reformation für Bildung und Freiheit einsetzte. Auch sie war eine unfassbar mutige und engagierte Frau.

Für meine späteren Romane habe ich einen anderen Weg gewählt: Ich entwerfe – orientiert an historischen Vorbildern – fiktive Figuren und werfe sie sozusagen in ein reales Setting. Die Kaufmannsfamilie in „Die Hansetochter” und „Die Feinde der Hansetochter” oder die Schiffertochter in „Das Geheimnis von Stralsund” sind erfunden – was ihnen geschieht, könnte sich aber so zugetragen haben. Nach wie vor ist Recherche mir sehr wichtig. Ich will alles ganz genau wissen – von den politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bis zu den Trippen unter den Füßen.”

Sie schildern die Figuren in Ihren Büchern sehr lebendig und sympathisch. Haben Sie eine Lieblingsfigur, die Ihnen ans Herz gewachsen ist?

Sabine Weiß: „Ich liebe alle Figuren, die ich in meinen Romanen schildern durfte. Das wechselvolle Schicksal und die Lebensleistung der Marie Tussaud sind für mich allerdings auch heute noch besonders bewegend – das spüre ich jedes Mal, wenn ich beispielsweise bei Lesungen darüber berichte. Dazu kommt, dass ich die Spurensuche extrem genossen habe. In englischen Archiven nach Zeitungsnotizen zu suchen, mit Archivaren zu plaudern, die von ,ihrem Erlebnis‘ bei Madame Tussauds berichten, oder die noch erhaltenen, wunderschönen Ausstellungsräume zu besuchen war großartig.”

Neben Ihren historischen Romanen haben Sie auch schon ein Sachbuch veröffentlicht – gibt es noch ein anderes Genre, das Sie reizt?

Sabine Weiß: „Natürlich! Es gibt so viele spannende Themen in der Welt, die nur darauf warten, in die richtige Form gegossen zu werden. Derzeit arbeite ich an einem neuen historischen Roman, für den ich wieder ein wunderbares Thema gefunden habe. Und ein Herzenswunsch wäre, mit einem Reisebildband über die Route 66 an den Erfolg von mit ,Mit der Tram durch Lissabon‘ anzuknüpfen.”
 

Samstag, 2. Februar 2019

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