Die Spielfrau und ihre nützlichen Tonarten

Die Heilkraft der Musik – Hintergrundartikel zu „Der Chirurg und die Spielfrau“

Die Musiktherapie, das ist für die einen heutzutage eine wichtige Wissenschaft, andere halten sie für Spinnerei oder Esoterik. Dabei reicht die Geschichte der Musiktherapie weit zurück.

Schon die erste historisch bekannte Autorin, deren Werke schriftlich überliefert sind, heilte mit Musik: Die sumerische Königstochter En-chedu-anna komponierte vor 4200 Jahren Beschwörungsgesänge, um Kranken zu helfen.

In der Antike setzte beispielsweise der römische Arzt Celsus (um 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) Musik ein, um Geisteskranke zu kurieren und Depressive zu heilen. Diese Musiktherapie sollte nach der Säftelehre die Körpersäfte wieder in Ordnung bringen. Heilsame Töne waren aus damaliger Sicht für Säuglinge ebenso nützlich wie für Alte, für Frauen wie für Männer. Als Maß galt der Puls, der mit Hilfe von Musik und Rhythmus gemessen wurde. Vor allem die Lehren des griechischen Arztes Herophilos (um 325 v. Chr. bis um 255 v. Chr.) sowie der „Kanon der Medizin“ des Avicenna (980 bis 1037) waren in der Pulsanalyse bis weit in das 16. Jahrhundert maßgeblich. In Altertum und Mittelalter wurde die Musik den mathematischen Fächern zugerechnet. Gelehrte wie Aristoteles, Boethius, Galen oder Isidor von Sevilla stellten die Musik und ihre Wirkungen in einen kosmischen Zusammenhang.

Der benediktinische Gelehrte Honorius Augustodunensis (ca. 1080 bis 1150) stellte ebenfalls eine komplexe Verbindung her: „Wie das Weltall aus sieben Ganztönen und unsere Musik aus sieben Tönen besteht, so wird der Organismus unseres Körpers aus sieben Tonarten gebildet: Der Körper enthält vier Elemente, die Seele wird durch drei Kräfte zusammengehalten; durch die ‚Musik‘ wird der Organismus von Natur aus zur Einheit zusammengeschlossen“ (zitiert nach Werner Kümmel „Musik und Medizin“).

In der Bibel tritt die Heilkraft der Musik vor allem in der Geschichte von Davids Harfenspiel vor König Saul in Erscheinung, in der David den Wahnsinn des Königs mit Musik besänftigte. Wer sich für diese Geschichte interessiert, sollte sich auch die Gemälde Marc Chagalls, Rembrandts und anderer Künstler anschauen, die den Harfenspieler David mehrfach dargestellt haben. Wer jetzt sagt: hat König David nicht Laute oder gar Leier gespielt. Ja, so heißt es in manchen Überlieferungen. Das hängt damit zusammen, dass die antike Harfe anders aussah, als die heutige. Diese Ähnlichkeit kommentiert schon Sebastian Virdung 1511 in seiner „Musica getutscht“ mit den Worten: „Welches einer ein harpfen genennet / dassheist ein ander eyn leyer“.

Auch die arabische Medizin nutzte die Musik als Heilmittel. Ihre Erkenntnisse drangen im 11. und 12. Jahrhundert ins Abendland vor.

Ibn Butlan schrieb in seinem „Tacuinum Sanitatis“, dem bekanntesten und verbreitetsten Werk der arabischen Heilkunde: „Instrumenten und Seytenspil der Musica helffen auch die gesuntheit erhalten / und die verloren wider zubringen. Dan die tön seind eben den schwachen gemüteren vergleicht / wie sich die artzneyen den schwachen leiben vergleichen.“ Musiker zählten für Ibn Butlan zu den ärztlichen Hilfsberufen: „Wir verordnen bei der Therapie von Melancholikern häufig die ihnen entsprechenden und für sie nützlichen Tonarten. Das heißt jedoch nicht, dass der Arzt selber trommeln, blasen, springen und tanzen müsse, vielmehr hat die Heilkunst viele Helfern wie den Apotheker, den Aderlassern den Schröpfer und sie bedient sich ihrer und betraut sie mit allen diesen Arbeiten und ebenso (bedient sie sich) des Musikers für die diesbezüglichen Zwecke.“

Auch in Hospitälern und öffentlichen Bädern, die ja auch medizinischen Zwecken dienten, wurden daher Musikanten angestellt. Die Masseure sollten nach einem bestimmten Rhythmus den Körper massieren und die Barbiere die Haare schneiden, damit schädliche Säfte so leichter austreten konnten.

„Die Natur ist nämlich wie ein Fiedelspieler, der mit seinem Klang die Tänzer führt und lenkt. Wir Ärzte und Chirurgen sind wie die Tänzer, und genauso, wie die Natur musiziert, müssen wir tanzen“, erklärte auch der Chirurg Henri de Mondeville (1260 – 1310).

Bereits im 15. Jahrhundert zählt der Musiktheoretiker Johannes Tinctoris zwanzig medizinische Wirkungsweisen der Musik. Sogar gegen Lepra jeder Art und die Pest solle die Musik wirken. Harfe, Laute und Schalmeien sollten fröhliche Musik spielen, damit Zuversicht, Freude und Heiterkeit gestärkt werden und Körper und Geist besser gegen die Krankheit ankämpfen können. Apathischen und lethargischen Patienten stellten Ärzte Trommler oder Trompeter ans Kopfende ihres Bettes, damit die Kranken nicht im Schlaf stürben. Vor allem für Herrscher seien heilsame Töne nötig, denn sie würden sich geistig stark anstrengen und müssten wichtige Entscheidungen treffen, die sie oft genug erschöpften.

Das Zusammenwirken von Körper und Geist wurde immer wieder erörtert. „Die Medizin heilt die Seele auf dem Wege über den Körper, die Musik aber den Körper auf dem Wege über die Seele“, schieb beispielsweise der italienische Philosoph Giovanni Pico della Mirandola (1463 bis 1494).

Auch im 17. Jahrhundert, in Renaissance und Barock, finden sich noch zahlreiche Beispiele dafür, wie an Fürstenhöfen Krankheiten durch Musik gelindert wurden. Vor allem Depressionen, Schlaflosigkeit, aber auch Verdauungsstörungen wurden mit Musik behandelt.

„Fröhliche Klänge halfen bei melancholischen Verstimmungen, Depressionen und vorbeugend sogar gegen die Pest. Lärm in hohen Dosen wurde Phlegmatikern verabreicht, und Könige durften sich bei sanfter Musik von großen Taten erholen“, fasst Margit Bachfischer in „Musikanten, Gaukler und Vaganten. Spielmannskunst im Mittelalter“ zusammen.

Erst im 19. Jahrhundert verlor die Musik den Bezug zum klassisch medizinischen Bereich der körperlichen Erkrankungen und wurde hauptsächlich zur Behandlung von seelischen Leiden eingesetzt. Einen starken Aufschwung erlebte die Musiktherapie nach dem zweiten Weltkrieg. „Dabei kristallisierten sich vier große Bereiche heraus, die bis heute die Musiktherapie maßgeblich beeinflusst haben: heilpädagogische Orientierung – P. Nordoff, C. Robbins, J. Alvin und G. Orff, psychotherapeutische Orientierung – G. K. Loos, Dr. Blanke und Dr. Jädicke, medizinische Orientierung – H.H. Teirich sowie anthroposophische Orientierung – M. Schüppel“, fasst die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft zusammen und erklärt zu den heutigen Einsatzmöglichkeiten: „Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten sind in kurativen, rehabilitativen, präventiven und palliativen Bereichen sowie in der Nachsorge tätig. Sie arbeiten mit Menschen aller Lebensalter. Sie behandeln PatientInnen mit somatischen, psychischen, psychosomatischen sowie psychiatrischen Erkrankungen und Menschen in Krisen- und Konfliktsituationen, mit Schädigungen, Behinderungen sowie physischen und psychosozialen Beeinträchtigungen sowie bei Entwicklungsstörungen.“ Auf der Internetseite der DMtG finden sich zahlreiche Einsatzbeispiele und Hörproben https://www.musiktherapie.de/arbeitsfelder/

Heute werden beispielsweise neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle oder Morbus Parkinson mit Musiktherapie behandelt. Dabei setzt die Musiktherapie einerseits auf die Wirkungen des Hörens, andererseits auf das Musizieren selbst. Durch Musik werden bestimmte Gehirnregionen angeregt, sowie Aufmerksamkeit und Feinmotorik verbessert, zudem werden Nerven besser vernetzt. Mit der Musiktherapie lassen sich erstaunliche Erfolge beispielsweise bei Alzheimer-, Schlaganfall- oder Demenzpatienten erzielen, ebenso bei psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen und Störungen wie Autismus, Depressionen oder Tinnitus. Singen blockiert auch das Angstzentrum im Gehirn.

Beispiele aus der Wissenschaft gibt es auf https://www.dasgehirn.info/denken/musik/die-heilkraft-der-musik

Abbildung: Saul und David von Rembrandt, Mauritshuis, Den Haag.

Sonntag, 19. April 2020

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