Ein historischer Roman erzählt Geschichte im Brennglas. Im Zentrum dieses Romans steht, das musste ich mir auch selbst immer wieder sagen, wenn ich in Rechercheuntiefen abzutauchen drohte, der Dreikönigenschrein. In die Entstehungszeit von etwa 1189 bis 1220/25 fallen eine Vielzahl spektakulärer historischer Ereignisse, die ich jedoch nur so weit thematisiert habe, wie sie eine Bedeutung für den Schrein und meine Hauptfiguren haben. Spannend für mich ist, dass die Standesunterschiede in dieser Phase des Hochmittelalters fluide sind, was man beispielsweise daran sieht, wie viele Bürger sich mit Ritterspielen beschäftigen oder gar in den Ritterstand aufsteigen. Übrigens sind auch die Schreibweisen der Namen damals variabler gewesen; ich habe mich für die französische Version Nicolaus entschieden und für die deutsche Reinald (statt des später latinisierten Rainald).
Der Mangel an Quellen ist bei diesem Thema ein Balanceakt. Für einen historischen Roman ist er eine Chance, weil ich meine Fantasie freier spielen lassen kann. Auf der Basis intensiver Recherche habe ich Charakter und Werdegang von Nicolaus von Verdun erdacht, habe ihm eine Familie und Kollegen zur Seite gestellt und ihn mit einem Schicksal konfrontiert. Aber natürlich sind die gesellschaftlichen Ereignisse genau recherchiert, und viele Figuren basieren auf Persönlichkeiten, die tatsächlich gelebt haben. Was Nicolaus von Verdun als Künstler angeht, habe ich mich in seine Werke vertieft. So werden der Gesamtentwurf des Schreins und u.a. die Ausführung vieler Figuren ihm zugeschrieben. Diese Figuren sind besonders beeindruckend für mich: aus einem Gold- oder Silberblech geschlagen und mit einer eindrücklichen Mimik versehen beweisen sie besondere Kunstfertigkeit. Inspirierend war in dieser Hinsicht auf der Klosterneuburger Altar, der ebenfalls Nicolaus von Verdun zugeschrieben wird. Die dargestellten Szenen beweisen eine enorme Kunstfertigkeit und Fantasie. Der Klosterneuburger Altar, auch Verduner Altar genannt, ist zu sehen im Stift Klosterneuburg, Österreich.
Zu den Fotos: In der Darstellung der Taufe Christi am Dreikönigenschrein und dem Klosterneuburger Altar sind große Ähnlichkeiten zu erkennen. Der Nachweis, dass beide Werke von dem gleichen Künstler geschaffen wurden, ist ein Beispiel für kunsthistorische Detektivarbeit.


