Wenn man bedenkt, dass der Dreikönigenschrein als das wichtigste religiöse Kunstwerk des Mittelalters gilt und enorm kostbare Materialien verarbeitet wurden, ist es umso erstaunlicher, dass kein Dokument darüber berichtet, welcher Künstler diesen Schrein geschaffen hat. Dementsprechend haben sich schon seit langer Zeit Kunsthistoriker mit der Suche nach dem Künstler beschäftigt, die bisweilen einer echten Detektivarbeit gleichkam. So wurden beispielsweise Stempelabdrücke verglichen und damit eine Verbindung zu anderen Kunstwerken hergestellt. Da der Schrein sehr groß ist, die Entstehungszeit sehr lang und die verwendeten Techniken so vielfältig sind, wird vermutet, dass mehrere Werkstätten mit spezialisierten Handwerkern daran gearbeitet haben. Insbesondere, was die Qualität und Lebendigkeit der Figuren angeht, sieht man große Unterschiede. Meine persönliche Theorie findet sich im Roman 😉 Dass die Prophetenfiguren an den Langseiten des Kölner Schreins stilistisch im Zusammenhang mit den Emaillebildern des 1181 datierten und von Nikolaus von Verdun signierten Verduner Altars in Kloster Neuburg bei Wien stehen, ist eine Zuschreibung, die bis heute anerkannt wird (u.a. Rolf Lauer, Der Schrein der Heiligen Drei Könige, Seite 35). Auch der Marienschrein in Tournai (1205) soll von Nikolaus von Verdun geschaffen worden sein. Für mich waren die wunderschönen und beeindruckenden Emaillen des Klosterneuburger Ambos besonders inspirierend, weil sie sehr eindringlich Szenen aus der Bibel zeigen. Diese Emaillen beweisen, dass Nikolaus von Verdun nicht nur ein außerordentlich talentierter Künstler gewesen ist, sondern auch die Heilige Schrift ausgezeichnet kannte, was wiederrum Rückschlüsse auf seine Herkunft und Bildung zulässt – für mich als Romanautorin nicht unwichtig 😉 Auch sonst war Nikolaus von Verdun sehr gebildet. So wurden die Faltenwürfe der Gewänder auf den Klosterneuburger Emaillen und auf dem Dreikönigenschrein inspiriert durch die in Rom um das Jahr 400 entstandene Elfenbeintafel der Nicomacher. Diese Ähnlichkeiten wiederholen sich bei weiteren Figuren in Klosterneuburg und Köln.
Zum Verduner Altar: Text Stift Klosterneuburg. Fotos Peter Böttcher, IMAREAL, Universität Salzburg. Herzlichen Dank!
„Der Altar ist der kostbarste Kunstbesitz des Stiftes und eines der bedeutendsten Kunstwerke des Mittelalters. Nach seinem Künstler Nikolaus von Verdun wird er gewöhnlich „Verduner Altar“ genannt, obwohl der Altar mit der französischen Stadt nichts zu tun hat und in Klosterneuburg entstanden ist. Heute befindet sich der Altar in der Leopoldskapelle und im Rahmen einer Stiftsführung zu bestaunen.
Vollendet wurde das Werk im Jahre 1181 nach ungefähr zehnjähriger Arbeit. Ursprünglich bildete es den Schmuck der Kanzelbrüstung in der Stiftskirche. Nach einem Brand im Jahre 1330 wurde das Werk zum Flügelaltar umgebaut und erhielt seine heutige Form. Der Altar umfasst insgesamt 51 Emailtafeln, die in drei waagrechten Zonen angeordnet sind und den Epochen der Heilsgeschichte entsprechen.
In technischer Hinsicht ist das Werk eine unbestrittene Meisterleistung. Das wegen seines hohen Schmelzpunkts außerordentlich widerstandsfähige Email hat mehr als acht Jahrhunderte unversehrt überdauert und leuchtet in ungetrübtem Glanz. Noch viel höher ist die künstlerische Bedeutung des Altars anzusetzen. Er ist das erste Werk des Hochmittelalters, das bewusst auf den Stil der Antike zurückgreift und damit zu einer neuen Naturnähe kommt. Auf diese Weise wird Nikolaus von Verdun, dessen ältestes erhaltenes Werk dieser Altar ist, zu einem Wegbereiter der Gotik.“

Hier einige der wunderbaren Emaillen des Verduner Altars, an denen man bestens die enorme Kunstfertigkeit von Nicolaus von Verdun erkennt. Fotos: Stift Klosterneuburg



