Der Dreikönigenschrein wurde im Jahr 1220 oder 1225 vollendet. Er war es vermutlich, der den Bau des neuen, des heutigen Kölner Doms in Gang setzte. Der alte Dom war schlicht und ergreifend zu klein für die Pilgermassen geworden. Der Neubau des dem Apostel Petrus geweihten Doms zu Köln begann mit der Grundsteinlegung am 15. August 1248 und wurde mit der Vollendungsfeier am 15. Oktober 1880 abgeschlossen. Ganze sechshundertzweiunddreißig Jahre war der Kölner Dom also im Bau, davon gab es allerdings eine Unterbrechung von dreihundert Jahren.
Ungebrochen war in jener Zeit die Anziehungskraft des Dreikönigenschreins. Vom einfachen Pilger bis zum Papst wollte jeder diesen Schrein sehen. Heute ist der Kölner Dom UNESCO-Weltkulturerbe und wird mit seinen Kunstschätzen jährlich von sechs Millionen Menschen besucht. Aber die Heiligen Drei Könige sind über den Dom hinaus bedeutend für die Stadt: Die drei Kronen dieser Könige sind Bestandteil des Kölner Wappens. Diese Patrone der Stadt tauchen auch sonst immer wieder im Stadtbild auf, nicht zuletzt durch die Segnungsbitte der Sternsinger. Die Überlieferung, dass die Reliquien durch das heutige Dreikönigenpförtchen in die Stadt eingezogen seien, ist übrigens nicht verifizierbar.
Der Dreikönigenschrein ist in vielfacher Hinsicht ein Kunstwerk der Superlative. Er gilt als eines der wichtigsten Reliquiare der Christenheit und als Meisterstück der mittelalterlichen Goldschmiedekunst. Der Schrein ist fünfhundert Kilo schwer, teilweise aus purem Gold und mit kostbarsten Edelsteinen versehen. Künstlerisch und inhaltlich enorm anspruchsvoll spielten die mit dem Schrein verbundenen Reliquien auch politisch eine entscheidende Rolle. „Die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige aus Mailand nach Köln, dem Bischofssitz Rainalds von Dassel, Erzkanzler des Reiches und Paladin Friedrichs I., im Jahr 1164 ist eines der wichtigsten Ereignisse der imperialen Geschichte des Mittelalters“, urteilt Ernst Günther Grimme in seinem Buch Goldschmiedekunst im Mittelalter.
Umso seltsamer erscheint es, dass kein Dokument über die Künstler berichtet, die den Dreikönigenschrein geschaffen haben. Kunsthistorische Detektivarbeit – zum Beispiel wurden der charakteristische Stil, Motive sowie die Abnutzung von Metallstempeln verglichen – förderte einen Namen zutage: Nicolaus von Verdun, den Erschaffer des sogenannten Verduner Altars in Klosterneuburg bei Wien. „Nikolaus von Verdun, über den sonst nichts bekannt ist, muss einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit gewesen sein“, konstatiert der Kunsthistoriker Dr. Rolf Lauer, der unter anderem die Schrift Der Schrein der Heiligen Drei Könige verfasste. Heute geht man davon aus, dass Nikolaus von Verdun am Dreikönigenschrein das Bildprogramm entworfen und die beeindruckenden Prophetenfiguren geschaffen hat, während die Apostel von anderer Hand gestaltet und weniger kunstfertig sind.
Durch Raub, die Französische Revolution und diverse Kriege wurde der Dreikönigenschrein schwer beschädigt, und auch die Restauratoren haben über die Jahrzehnte das ursprüngliche Aussehen verändert. Zwischenzeitlich wurde er sogar um ein Stück gekappt oder Figuren wurden vertauscht. Auch wurde beispielsweise der vorchristliche Ptolomäerkameo, von dem man früher dachte, dass er die Heiligen Drei Könige zeigt, 1574 aus dem Kölner Dom gestohlen, durch einen großen Citrin ersetzt und befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien.
Zwischen 1961 bis 1973 wurde der Schrein bei der letzten Restaurierung weitgehend in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Ornamentfelder ersetzen die verlorenen Bildzyklen der Dachflächen wie die Szenen der Apokalypse.
Heute nimmt der Dreikönigenschrein hinter dem mittelalterlichen Hochaltar im Binnenchor einen zentralen Ort im Kölner Dom ein. In seiner Vitrine ist er jederzeit gut für Besucher sichtbar. Jährlich wird der Schrein vom Dreikönigstag bis zum darauffolgenden Sonntag geöffnet, sodass man die Schädelreliquien der Heiligen sehen kann. Im September findet die alljährliche Dreikönigswallfahrt statt. 2022 wurde zudem ein neues Dreikönigsreliquiar geschaffen, eine Art silberner Stern, den die Gläubigen anstelle des Schreins berühren können, um sich segnen zu lassen.
Wer nach der Lektüre dieses Romans den Dreikönigenschrein im Kölner Dom besuchen möchte, sollte sich unbedingt auch Zeit nehmen für die Schatzkammer des Doms. Interessant, was sakrale Kunst angeht, ist ebenfalls das Museum Schnütgen. In der Kirche Sankt Cäcilien, die heute als Museum genutzt wird, entdeckte ich eine Inkluse, also eine zellenartige Klause, in die sich Gläubige auf Lebenszeit einschließen konnten, um der Welt zu entsagen. Vierzehn solcher Inklusen lassen sich in Köln zwischen dem zwölften und vierzehnten Jahrhundert nachweisen. Nicolaus‘ Frau Elisabeth – die meiner Fantasie entsprungen ist – war also kein Einzelfall.
Eine Ahnung von dem damaligen Hildebold-Dom bekommt man in einer der zahlreichen romanischen Kirchen Kölns, die vom Förderverein Romanische Kirchen Köln e. V. betreut werden, der dort Führungen anbietet. Der Unterschied von der romanischen zur gotischen Bauweise ist faszinierend .
Da anscheinend die häufigste Frage aller Dombesucher ist, was sich in dem Schrein befindet, möchte ich auch hier auf den Kunsthistoriker Dr. Rolf Lauer verweisen: „Der Bericht der Untersuchung der Gebeine am 20. Juli 1864 durch den Bonner Anthropologen Prof. Dr. Hermann Schaafhausen vermerkt, dass es sich, abgesehen von den Reliquien des hl. Gregor und wenigen Partikeln von Felix und Nabor hauptsächlich um Überreste von drei Männern verschiedenen Alters handelt“, schreibt Lauer.
Aus dem Nachwort meines Romans „Der Schrein der Könige“
Literaturhinweis: Einen umfassenden Eindruck vom Dreikönigenschrein samt Abbildungen aller Details findet sich in dem dreibändigen Werk „Die Goldschmiedearbeiten am Dreikönigenschrein“ von Dorothee Kemper, Kölner Domverlag 2014.
