Perlen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Ein besonders schönes Stück ist der Fürleger, der im Textilmuseum des Klosters Lüne ausgestellt wird (Foto: Klosterkammer Hannover, Textilrestaurierung)

Perlstickereien und Perlschmuck

Schon in Schriften aus der Antike und in der Bibel werden Perlen erwähnt. Augenperlen – oder Augenamulette – gab es schon in frühen Kulturen, beispielsweise das Horus-Auge im alten Ägypten; als Mittel gegen den bösen Blick werden sie noch heute hergestellt. Perlstickereien gibt es ebenfalls seit Jahrtausenden. Plinius merkte ironisch an, die Römer müssten über ihre Gewänder stolpern, da diese derart mit Perlen überladen wären. Der Kaiser Caligula soll angeblich perlenbestickte Pantoffeln getragen und sein Pferd mit Perlenketten geschmückt haben.

Für die Zeit, in der „Die Perlenfischerin“ spielt, gilt beispielsweise ein Zitat des Universalgelehrten Albertus Magnus (1193 bis 1280): „Die Perle ist ein Stein, der sich in unscheinbaren Muscheln befindet. Die besseren kommen aus Indien, viele aber aus dem britannischen Meer, das jetzt das Englische Meer genannt wird. Es ist aber ihre Kraft erprobt zur Stärkung der Lebensgeister und gegen chronische und akute Herzschwäche.“

Nicht nur Schmuck und Mode, auch in der Medizin und in der Kosmetik wurden Perlen verwendet. Dabei spielten besonders die den Perlen zugeschrieben Eigenschaften eine Rolle: gelbe Perlen bedeuten Wohlstand, weiße stehen für Freiheit, grüne Perlen gelten als Glückssymbol und sollen Zufriedenheit bringen, so Elisabeth Strack in ihrem Buch „Perlen“.

Das Bekannteste der verschiedenen Heilmittel mit Perlen war das „Aqua Perlata“, das Perlwasser, für das Perlpulver, Essig oder Zitronensaft verwendet wurde. Hildegard von Bingen empfiehlt die Flussperlen vor allem gegen Kopfschmerzen. Sie bringt die Perle mit dem Sternzeichen Krebs in Verbindung. Mit Perlen sind, wie in „Die Perlenfischerin“ erwähnt, viele Sagen verbunden. „Von Natur aus vollkommen, unterscheide sie sich von allen anderen Edelsteinen dadurch, dass sie keiner weiteren Prozedur bedürfen, um ihre Schönheit sichtbar zu machen“, so Lois Sherr Dubin in dem Bildband „Alle Perlen dieser Welt“.

Die Flüsse waren in der Vergangenheit oft im Besitz der Klöster oder der Adelshäuser. Die Perlwilderei wurde streng bestraft, so wurden Perlgalgen aufgestellt oder eine Hand abgeschlagen. Ein Zeugnis dafür ist ein Schild, das als Ersatz für unbekannte Vorläufer 1736 an der Schwienau aufgehängt wurde und das heute noch im Kloster Ebstorf zu sehen ist: darauf abgebildet ist eine Hand, die von einem Beil abgetrennt wird, daneben eine Muschel.

Kaiserkleidung und sakrale Gewänder wurden genauso mit Perlen verziert wie Altarlaken oder Bischofsmützen.

Zu den Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches, den sogenannten Reichskleinodien, gehören auch perlenbestickte Gewänder. Die Originale werden in der Schatzkammer der Wiener Hofburg verwahrt, Repliken befinden sich u.a. in Nürnberg. Mir persönlich gefallen besonders die perlenbestickten Handschuhe, wenn sie auch etwas unpraktisch sind. Genauere Beschreibungen finden sich in dem von Irmgard Siede und Annemarie Stauffer herausgegebenen Buch „Textile Kostbarkeiten staufischer Herrscher“ sowie in Jan Keupp „Sachgeschichten. Materielle Kultur als Schlüssel zur Stauferzeit“. Weltliche Gewänder sind ansonsten fast ausschließlich auf Gemälden oder anderen Abbildungen überliefert, da die Perlen meist bei Verschleiß des Stoffes abgetrennt und verkauft oder weiterverwendet wurden.

Beim Perlensticken kamen verschiedene Sticktechniken zum Einsatz (z.B. Reliefstickereien oder die Verwendung von Perlschnüren). Elke Brüggen führt in ihrem Buch „Kleidung und Mode in der höfischen Epik des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts“ etliche Beispiele für perlenbestickte Gewänder aus dem Minnesang auf, u.a. in Veldekes „Eineit“, „Der guote Gerhart“ von Rudolf von Ems oder bei den Werken von Konrad von Würzburg. „Mit Juwelen und Perlen besetzt sind meistens auch die mit großer Sorgfalt hergestellten Borten, kostbare Bänder aus Seide und Goldfäden, die Halsausschnitt, Ärmel, Saum, Kanten und Nähte der Kleider zieren“, so Brüggen. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich auch mit der Textilherstellung als Betätigungsfeld der adeligen Frau, bei der Perlenstickereien durchaus als angemessen angesehen wurden.

In Deutschland war vor allem das Vogtland für seine Perlen berühmt. Im Grünen Gewölbe in Dresden lagert eine dreireihige Kette aus Perlen aus der Weißen Elster. Elisabeth Strack beschreibt in ihrem Buch „Perlen“ ein berühmtes Marienbild, das in der Schatzkammer der Residenz in München hängt. Dieses wurde gegen 1580 mit einer Krone aus Edelsteinen und siebenhundert Perlen versehen, die aus deutschen Flüssen stammen. Damals hieß es von Experten, dass die bayerischen Flussperlen zwar kleiner als die orientalischen seien, aber ihnen im Wert gleichkommen können. Besonders in Adorf entwickelte sich durch den Perlenfischer Moritz Schmirler eine Perlindustrie, von der heute noch das Perlmutter- und Heimatmuseum Adorf erzählt. Perlstickereien aus den Flüssen der Lüneburger Heide sind hauptsächlich in den Heideklöstern erhalten. Der inzwischen verstorbene Forscher Dr. Wolf-Dietrich Bischoff, der sich in besonderer Weise für den Schutz der Flussperlmuschel eingesetzt hat, hat errechnet, dass für das um 1500 angefertigte Ebstorfer Kaselkreuz etwa zehntausend Perlen verwendet worden sind, das würde bedeuten, dass etwa sechs Millionen Muscheln dafür nötig waren, so Elisabeth Strack. „Perlen waren damals unvorstellbar kostbar, für uns heute vergleichbar mit einem Diamanten“, erklärt Wiebke Haase, Textilrestaurateurin der Klosterkammer Hannover.

Ein besonders schönes Stück ist der Fürleger, der im Textilmuseum des Klosters Lüne ausgestellt wird (Foto: Klosterkammer Hannover, Textilrestaurierung)

„Wir gehen davon aus, dass der Fürleger nicht von den Nonnen, sondern von einer professionellen Werkstatt möglicherweise in Braunschweig oder Lüneburg hergestellt wurde“, so Textilrestaurateurin Tanja Weißgraf, die ebenfalls bei der Klosterkammer Hannover für den Erhalt der kostbaren Textilien zuständig ist. Um eine bessere Haltbarkeit zu erreichen, wurden unter den Stoff bei Perlstickereien häufig Pergamentstreifen befestigt, so entdeckten die Textilrestaurateurinnen bei der Arbeit mit en Textilien sogar Buchseiten aus Abschriften des Sachsenspiegels. „Die Qualität der Materialien war damals besser als heute. Diese Feinheit der Stoffe wird heute nicht mehr erreicht“, betont Tanja Weißgraf.

Ebenso beeindruckend ist ein Kasel aus der Martinikirche in Braunschweig, der heute im Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig zu sehen ist. Bei diesem wurde der Körper Christi plastisch in Reliefstickerei mit einzeln aufgesetzten Flussperlen gearbeitet.
In späteren Jahrhunderten wurde durch ein wahres Perlfieber die Flussperlmuschel weitgehend ausgerottet. In einem niedersächsischen Bericht von 1886 heißt es: „Als Perlen und Muscheln entdeckt wurden, entstand ein förmliches Perlfieber. Alt und jung eilte ans Wasser, auch aus entferntesten Gegenden. Hamburger Juweliere kauften an Ort und Stelle auf. Die aufgebrochenen Muscheln lagen zu Tausenden an den Ufern herum, denn es war nicht schwierig für einen einzigen Sammler mehrere Tausend an einem Tag aus dem Bachgrund zu holen.“

Diese Geschehnisse finde ich sehr traurig. Schlimm auch, dass noch heute Perlwilderer betrieben wird, obgleich hohe Geld- und Freiheitsstrafen verhängt werden. Umso wichtiger ist der sorgsame Umgang des Einzelnen mit der Natur. Und natürlich der Einsatz der Umweltschützer, die sich für unsere Flüsse engagieren; ihnen habe ich „Die Perlenfischerin“ gewidmet.

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