Historisches Fechten – in Deutschland und anderswo

Eine echte Überraschung bei den Recherchen zu „Die Tochter des Fechtmeisters“ war für mich zu entdecken, wie aktiv und leidenschaftlich das historische Fechten betrieben wird – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. In internationalen Zusammenschlüssen wie der Historical European Martial Arts Coalition (HEMAC), The Arma – The Association for Renaissance Martial Arts oder CFAA – Chivalric Fighting Arts Association werden Forschungen und praxisnahe Umsetzungen sowie das Netzwerken vorangetrieben. Grundsatz ist dabei immer die intensive Auseinandersetzung mit den Quellen, d.h. den Fechthandschriften und natürlich der Spaß an der Sache. Bei Events wie dem Dreynschlag in Österreich, Swordfish in Schweden oder HEMAC Djon treffen die  Wettkämpfer aus verschiedenen Ländern aufeinander.

In Deutschland haben sich über dreißig Gruppierungen für historisches Fechten mit insgesamt rund 1200 Einzelmitgliedern an 34 Standorten im Deutschen Dachverband Historischer Fechter e.V. zusammengeschlossen. „Fechten in unserem Sinne ist nicht auf den Umgang mit Klingenwaffen begrenzt, sondern schließt jede Form von kriegerischer Auseinandersetzung ein, auch den waffenlosen Kampf. Unser Verband beschäftigt sich mit dem Historischen Fechten, demnach mit Kampfkunst und Kampfsport von der Antike bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und deren Rekonstruktion. Dabei stützen wir uns auf Quellen in Form von Texten und Bildern aus der jeweiligen Zeit“, heißt es auf der Homepage des DDHF. „Die Stilarten unterscheiden sich nach Quelle und Art der Waffe. Beispiele, um ein paar wenige zu nennen, sind das Lange Schwert nach einer Nürnberger Handschrift (Hs. 3227a, ca. 1389) oder nach Joachim Meyer (1571); Schwert und Buckler nach der Handschrift I.33 (frühes 14. Jh.), das Ringen nach Fabian von Auerswald (1539), Säbel nach F. C. Christmann (1838), oder diverse Stangenwaffen nach Paulus Hector Mair (ca. 1544).“

Besonders diskutiert wird die Versportlichung des historischen Fechtens. Dazu Sonja Heer in einem Interview mit dem Blog Fechtgeschichte: „Das eigentliche Ziel eines Kampfes, die Zerstörung oder zumindest das Kampfunfähigmachen eines Gegners, und der Begriff „Sportlichkeit“, stehen im Gegensatz zu einander. Es besteht der Wunsch sich mit anderen zu messen oder Techniken auf ihre Wirksamkeit überprüfen, ohne jemanden ernsthaft zu verletzen. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass jede Art von Freikampf nur eine Annäherung an eine reale Situation sein kann. Schon allein durch Schutzausrüstung verändert sich der Kampfstil. Eine Wettkampfsituation ist für den Einzelnen eine hervorragende Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu schulen, Stichworte sind hier als Beispiel Fokussierung, der Umgang mit Stresssituationen und auch der Umgang mit Sieg und Niederlage. Das sind alles Qualitäten, die man in einem Freikampf und im Wettkampf erfährt, nicht aber im bloßen Techniktraining.“

Auf den Internetseiten der einzelnen Vereine werden die Fechtgeschichte und die heutige Umsetzung des Sports oft intensiv dargestellt. Beispielsweise finden sich u.a. auf Hammaborg.de Transkriptionen verschiedener Fechthandschriften, auf Schirmmeister-Schola.de eine ausgezeichnete Einführung ins Bloßfechten mit dem Langen Schwert und Messer und Seiten wie auf Schwertkampf-Ochs.de oder stahlaufstahl.de umfangreiche Darstellungen der Fechtgeschichte und der zeitgemäßen Rekonstruktion. Eine umfangreiches Nachschlagewerk ist wiktenauer.com.

Die Ausprägungen der einzelnen deutschen Fechtvereine ist unterschiedlich. So heißt es beispielsweise bei Schwert und Bogen: „Anders als man zuerst meinen könnte beschäftigen sich die alten Fechtbücher aber nicht nur mit dem Kampf mit dem Schwert sondern geben uns Einblick in ein komplettes Kampfkunstsystem das auch Elemente der waffenlosen zivilen Selbstverteidigung, des Kampfes und der Verteidigung gegen Messer (Dolch) sowie Techniken mit dem Stock, dem Speer und stellenweise sogar mit einem Schleier oder einer Sense zeigt. Wir üben Europäische Kampfkunst – Schwertkampf in unterschiedlicher Weise. Zum einen als Kampfkunst in der wir versuche die historischen Techniken zu erschließen, zum anderen als sportlicher Wettkampf in dem wir uns bewusst auf sportlich darstellbare und sichere Techniken beschränken und nicht zuletzt als real anwendbare Selbstverteidigung für unseren heutigen Alltag.“

Ich durfte im Laufe meiner Recherchen bei Hammaborg e.V. mittrainieren und kann jedem nur empfehlen, sich einmal auf diese Sportart einzulassen – es ist ein intensives, körperlich und mental forderndes Erlebnis.

Samstag, 2. Februar 2019

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